Will ich das Familienunternehmen übernehmen, oder kann ich nur nicht Nein sagen?
Mir wurde diese Frage abgenommen.
Als mein Vater 2023 plötzlich starb, wurde ich mit meinem Bruder Gesellschafterin in dritter Generation. Die Entscheidung wurde für uns vom Leben getroffen. Und ein paar Tage später stand schon das Finanzamt vor der Tür.
Die meisten jungen Menschen, die ich heute begleite, haben sich diese Frage oft bereits gestellt, doch nie abschließend für sich beantwortet. Und eine Frage, die offen bleibt, kann man erstaunlich lange mit sich herumtragen.
Wie sich das Aufschieben anfühlt
Von außen sieht es vernünftig aus. Man macht erst noch den Master fertig, dann zwei Jahre bei einer Beratung, dann kommt ein spannendes Projekt dazwischen. Die Eltern fragen nicht direkt, sie erwähnen es eher. Der Vater leitet einen Artikel über die Branche weiter, die Mutter erzählt beim Essen, wie gut deine neuen Kompetenzen zum aktuellen Bedarf im Unternehmen passen. Und du sagst „ja, könnte ich mir schon vorstellen“ und meinst es irgendwie auch so.
Dahinter steckt oft eine Frage, die sich viel schwerer stellen lässt als die nach dem richtigen Zeitpunkt. Will ich das eigentlich? Oder kann ich nur nicht Nein sagen?
Ich finde, diese Frage verdient mehr Ernst, als sie normalerweise bekommt. Die meisten Ratgeber zur Nachfolge, die ich kenne, prüfen zuerst, ob du kompetent genug bist, die richtige Ausbildung hast und genug Erfahrung außerhalb gesammelt hast. Das ist alles wichtig. Wenn ich mir aber anschaue, wo Nachfolgen tatsächlich hängen bleiben, dann selten an der Kompetenz.
Die Zahlen passen dazu. Laut Deloitte Private gibt es in 61 Prozent der Familienunternehmen mindestens ein Familienmitglied, das Interesse an der Führung hat. Für kurzfristig bereit halten die Unternehmen aber nur 23 Prozent. Ich lese darin weniger eine Qualifikationslücke als eine Menge Menschen, die noch nicht wissen, ob sie wirklich wollen.
Warum Nachdenken hier so wenig hilft
Vielleicht hast du die Pro- und Contra-Liste auch schon dreimal geschrieben. Meistens ist so eine Liste ziemlich gut. Sie hilft trotzdem nicht weiter, weil beide Spalten stimmen.
Wenn wir in einer Unternehmerfamilie aufwachsen, lernen wir sehr früh, was von uns erwartet wird, lange bevor wir es in Worte fassen könnten. „Unsere Firma“, „irgendwann gehört das mal euch“ … solche Sätze hört man mit fünf oder sechs und denkt sich nichts dabei. Später sind sie einfach da, wie eine Grundeinstellung. Wie du reagierst, wenn dein Vater enttäuscht ist, hast du als Kind gelernt und nicht in deinem erwachsenen Ich, und dieses Muster meldet sich noch heute als Reaktion, bevor du bewusst wählen kannst, wie du reagierst.
Deshalb arbeite ich bei solchen Fragen mit dem Körper. Dein Körper reagiert auf eine Situation, bevor dein Verstand sie bewertet hat. Der Atem wird beispielsweise flacher, die Schultern gehen hoch, oder du entspannst dich im Gegenteil, fühlst dich sicher und ruhig. Das sind Informationen, aus denen du viel lernen kannst.
Eine kleine Übung für zu Hause
Du kannst das selbst ausprobieren, es dauert nur ein paar Minuten.
Setz dich hin und stell dir eine ganz konkrete Szene vor. Du sitzt mit deinem Vater oder deiner Mutter am Küchentisch und sagst: „Ich steige ein.“ Bleib ein paar Atemzüge in dieser Szene und schau, was in deinem Körper passiert. Was du darüber denkst, ist für den Moment zweitrangig.
Dann dieselbe Szene mit einem anderen Satz: „Ich weiß es noch nicht.“ Oder, wenn du dich traust: „Ich will das nicht.“
Ein richtiges Ergebnis gibt es dabei nicht. Manche spüren beim Ja eine enge Brust und beim Nein so etwas wie Erleichterung. Bei anderen ist es genau umgekehrt. Und manche spüren beides auf einmal, Vorfreude und direkt dahinter einen kleinen Rückzieher. Das heißt meistens nur, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sind … dass du das Unternehmen gestalten willst und dass du Angst hast, dich darin zu verlieren.
Ein Ja aus Pflicht fühlt sich für die meisten eher eng an. Man funktioniert, ist aber nicht so richtig dabei. Ein Ja, das du gewählt hast, kann trotzdem aufregend sein, manchmal sogar beängstigend. Darunter liegt dann aber eine Lebendigkeit, die bei der Pflicht fehlt.
Was du dich danach fragen kannst
Wenn du nach der Übung weiterdenken willst, hier ein paar Fragen, die ich in solchen Gesprächen gern stelle.
Würdest du es auch tun, wenn niemand enttäuscht wäre? Was reizt dich am Unternehmen selbst? Wie viel davon ist die Erleichterung, keine Erwartung mehr offen zu haben? Und was müsste passieren, damit du mit Freude Ja sagen kannst, in welcher Rolle und zu welchem Zeitpunkt?
Die letzte Frage halte ich für die wichtigste, weil sie zeigt, dass du mitverhandeln darfst, wenn du dich wirklich entscheidest. Über deine Rolle, dein Tempo und darüber, was du anders machen willst als die Generation vor dir. Eine Nachfolge aus Pflicht nimmt man dagegen meistens so, wie sie kommt.
Eine meiner Klientinnen hat immer wieder versucht, ihrem Vater zu erklären, warum jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt sei und dass sie es eigentlich auch gar nicht wolle. Er hat ihr Zögern als „Sie ist noch nicht bereit, aber das wird sich schon noch ergeben“ interpretiert. Die Klarheit musste sie erst in sich finden, bevor ihre Position und Entschlossenheit auch wirklich bei ihrem Vater ankamen. Ihre Erkenntnis: „Ohne Klarheit in mir kann ich nicht klar kommunizieren und damit auch nicht erwarten, dass meine Kommunikation ankommt und ernst genommen wird.“
Ich konnte damals nicht wählen, ob ich diesen Weg gehe, nur wie. Wenn du die Frage noch hast, nimm sie ernst, auch wenn sie unbequem ist und deine Familie sich mit einer schnellen Antwort leichter täte.
Wenn dich diese Frage gerade selbst beschäftigt, sprich mit mir.
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